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Worum es im Fach Kunst geht
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Zur Einleitung
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Meine
Adressaten sind ehemals Studierende des Faches
Kunstpädagogik und (die Ausbildung an
Kunstakademien betreffend) des Faches Kunst. Sie sind künstlerisch
ausgebildet und vor dem Hintergrund dieser Lernbiographie entsprechend
motiviert. Deshalb unterlasse ich allgemeine Ausführungen über die Rechtfertigung
und die Perspektiven künstlerischen Handelns. Sie interessieren sich dafür,
was Sie in dieser Ausbildungsphase erwartet. Da
ich im Studienseminar Neuss Ihr Ausbilder sein werde, skizziere ich fachliche
Grundlagen und Positionen, mit denen Sie sich im Laufe ihres
Ausbildungsdienstes auseinander setzen werden. Dieses ist nicht als „Inhaltsverzeichnis“
der Fachseminararbeit zu verstehen. Die Fachseminarthemenliste und eine
Übersicht über die relevante Literatur können Sie an einer anderen Stelle
dieser Veröffentlichung einsehen. Ich
möchte auf einige wesentliche Bedingungen, Kernprobleme und Ansprüche des
Kunstunterrichtens aufmerksam machen und damit die Motivation meiner Arbeit
als Ausbilder im Fachseminar klären. Vieles, was inhaltlich und
methodenbezogen zum Kunstunterricht zu sagen wäre, lasse ich noch außen vor.
Diese Dinge werden Gegenstand des Fachseminars sein. Es geht mir um
Grundsätzliches. Ich möchte die zentralen Interessen darlegen, die ich bei
meiner Seminararbeit im Blick habe und über die sich – auch im Vorfeld
unserer Zusammenarbeit – eine Verständigung lohnt. Manches
hiervon ist natürlich geprägt durch formale Vorgaben, vieles jedoch verdankt
sich der ständigen Auseinandersetzung mit Fachkollegen, anderen Ausbildern,
nicht zuletzt meinen Erfahrungen als Kunstlehrer und natürlich den
vielfältigen Anregungen, die ich von Studienreferendarinnen und
Studienreferendaren erfahren habe. Vermutlich lerne ich von meinen
Referendaren erheblich mehr als sie von mir. |
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Aller Anfang…
Klasse 5 |
Es
geht darum, dass Sie Kunsterzieher und Kunsterzieherinnen werden wollen und
sollen. Das ist gar nicht so selbstverständlich: Kunst machen und über Kunst
machen nachdenken ist Ihnen zwar durch Ihr Studium vertraut, und ich hoffe,
dass Sie sich als engagierte Künstler und Künstlerinnen fühlen können. Aber
etwas anderes ist es, Kunst zu unterrichten und dabei die Anregungen und
Erfahrungen, die Ihnen an Ihrer eigenen künstlerischen Entwicklung und
Entfaltung wichtig waren und sind, lebhaft zu halten. Sie
werden sich mit Richtlinien und Lehrplänen auseinandersetzen. Sie erkennen
auch, dass etwa zwanzig bis dreißig Menschen nicht wirklich völlig freiwillig
in der Schule zusammenkommen und in der 4. Stunde sehr unterschiedliche und
vielleicht gleichermaßen berechtigte Interessen haben können. Zudem
lesen Sie vielleicht im schulinternen Lehrplan, dass sich die Schüler im
zweiten Halbjahr der Jahrgangsstufe 11 mit den Kunstgeschichtlichen
Grundbegriffen Heinrich Wölfflins auseinandersetzen sollen. Davon mögen sie
noch nie etwas gehört haben und kramen deshalb ihren alten
Universitätsbibliotheksleihausweis wieder heraus. Oder aber sie kennen das
sehr genau und sind zufällig fest überzeugt davon, dass man so etwas heutigen
Schülern unmöglich zumuten dürfe. Sie lernen, dass Fachkompetenz
Schwierigkeiten schaffen kann. Vielleicht
machen Sie sich auch noch besonders beliebt bei Ihren Kollegen, weil Sie so
interessante und differenzierte Probleme haben. Solches wird Ihnen vermutlich
öfter passieren, da dürfen Sie recht sicher sein. Überdies finden Sie es dann
auch noch recht abscheulich, Schüler mit Supermarkt-Wasserfarbkästen malen zu
lassen, usw… . Aber
darum geht es weniger, auch wenn all dieses vermutlich ihre
Unterrichtserfahrungen sein werden. Wichtiger
ist, dass Sie davon überzeugt sind, warum es unbedingt notwendig ist, dass
man auf die besonderen Mittel, Methoden und Erscheinungsformen künstlerischer
Äußerungen aufmerksam macht. Es geht darum, dass Sie eine engagierte Position
einnehmen, von der aus Sie die Notwendigkeit künstlerischen Handelns
glaubwürdig vertreten können. |
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Liebgewonnene Urteile über die
Unverzichtbarkeit des Faches Kunst
Klasse 7 |
Es
ist ein interessantes Phänomen, dass Kunstlehrer zunächst nicht ganz so leicht
wie zum Beispiel Mathematiker oder Germanisten sagen zu können glauben, warum
ihr Fach notwendig ist, etwa in dem Sinne, wie die Not eigentlich beschaffen
wäre, wenn es das Fach Kunst nicht gäbe. Immerhin gehen hierzu einige
Attribute recht flott von den Lippen und erfreuen sich allgemeiner
Unbestrittenheit: Kreativität? Eine sehr gute Idee. Ich kann mir allerdings keinen
Biologie-, Geschichts- oder Erdkundeunterricht (ich hätte ein beliebiges
weiteres Fach anführen können) vorstellen, der ohne Kreativität zu wert- und
sinnvollen fachlichen und erzieherischen Zielen gelangen könnte. Kreativität
gehört zur unbedingten Grundausstattung flexibler Intelligenz und ist daher
kaum auf das Fach Kunst beschränkt. Auch in den Naturwissenschaften verdanken
sich wirkliche Innovationen dem Regelbruch, der ein zentrales Merkmal
kreativen Verhaltens ist. Nichtsdestoweniger setzt dieser Bruch die souveräne
Kenntnis der Regeln und ihrer fachlichen Grundlagen voraus, da sonst
Ergebnisse nicht vorstellbar sind. Kreativität, fachliche Kompetenz und
Disziplin sind in allen Fächern komplementäre Partner. Gestalterische
Praxis? Vielleicht, wenn man davon
absieht, dass weder Gestaltung noch Praxis Begriffe und Tätigkeiten sind, die
exklusiv für unser Fach vorbehalten sind. Im Gegenteil: Praktisches Tun als
listiger Lern- und Lehrtrick ist in den didaktischen Schriften aller Fächer
derart Allgemeingut, dass es beinahe schon lächerlich wirkt, wenn es als
heimliche Motivationskrücke durch die Schulflure schleicht. Hier sei auf ein
oft anzutreffendes Missverständnis hingewiesen: Das Misstrauen gegenüber den
im Fach Kunst oft „besseren Noten“ (hier wird Leistungsbeliebigkeit vermutet)
lässt sich vermutlich durch den Hinweis beantworten, dass im Fach Kunst der
Unterricht oft effizienter und die Leistungsbeurteilung von höherer Validität
ist. Durch den erhöhten Anteil gestalterisch-praktischen Handelns verhalten
sich die Schüler (nein, leider nicht alle!) meist motivierter. Weniger
Schüler können sich in „Schweigsamkeit“ zurückziehen und die
lernprozessbezogene Beratung ist potenziell persönlicher und konkreter
angelegt. Freude
am Schönen? Unbedingt, aber kennen Sie
die Lyrik von Günther Eich; die mikroskopische Struktur von
Radiolarienskeletten oder das Erlebnis plötzlicher Klarheit und
eukalyptischer Frische bei der sich unerwartet anbahnenden Auflösung einer
mathematischen Gleichung? Leider lassen sich diese Erlebnisse oft weniger
leicht medial repräsentieren und ausstellen als im Fach Kunst.
Nichtsdestotrotz sind sie jeder Fachdisziplin immanent, die zu offenen Fragen
und zum Staunen führt. Interessant ist, dass Mathematiker von „eleganten“
Lösungen sprechen. Dies ist eine ästhetische Zuschreibung und vermittelt,
dass „Richtig“ im Anspruch noch steigerbar ist. |
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Kompensatorisch oder komplementär? |
Raum
für Selbstentfaltung und sinnfreies Spiel?
Dieses ist gleichzeitig eines der zutreffendsten (s.u.) und auch riskantesten
Argumente für unser Fach: Gegen Selbstentfaltung wird kaum jemand etwas
einwenden. Jedoch hängt dem Kunsterzieher immer noch das traditionelle Bild
des musischen Erziehers nach, der ähnlich einem liebevollen Gärtner Sorge
dafür zu tragen hat, dass die Pflänzchen nicht allzu wild ins Kraut schießen.
Dieses Bild ist (aus unserer Fachgeschichte heraus nicht ganz unberechtigt)
mit dem Verdacht der unernsten Kuschelpädagogik besetzt, derer sich der
Schulbetrieb als „Ausgleich“ und „Erholung“ bedient. Wenn sich allerdings
Fächer wie Mathematik oder Englisch nicht zur „Erholung“ und
„Selbstentfaltung“ eigneten (man beachte die Bedeutung der Begriffe), hätten
sie aus pädagogischer Sicht ernsthafte Legitimationsprobleme. Der Begriff des
„Sinnfreien“ entstammt der Kunstphilosophie und ist in einer einseitigen
Übertragung auf Unterricht unangemessen. Sinnfreies Lernen ist aus lernpsychologischer
Sicht nicht vorstellbar. Dass hingegen Schüler das Lernen im Fach Mathematik,
Geographie oder im Fach Kunst aus ihrer Sicht bisweilen als „sinnfrei“ beurteilen
mögen, steht auf einem ganz anderen Blatt und trägt nicht zwingend zur
Profilierung der Disziplinen bei. Das Fach Kunst ist nicht kompensatorisch,
sondern komplementär zu anderen Disziplinen in den Fächerkanon
eingebettet. Es
ist offensichtlich, dass von einer fachlichen Exklusivität dieser prominenten
Wertschätzungen kaum auszugehen ist. Sie sind zur Legitimation des Faches
wenig geeignet. Fraglich ist also, wo die eigentliche Sinnmitte unseres
Faches in der Schule (denn das wird Ihr zukünftiger Handlungs- und Spielraum
werden) liegt - gewendet formuliert: Wie das Künstlerische als Not-Wendigkeit
fassbar wird. |
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Der Integrationszusammenhang von
Produktion, Rezeption und Reflexion
Grundkurs 11 |
Das
Besondere am künstlerischen Handeln ist, dass Theorie und Praxis, Denken und Tun
nicht nur gleichrangig nebeneinander stehen, sondern ein unmittelbares
Ineinander darstellen. Die
Lehrplanbestimmungen definieren die Handlungsfelder des Künstlerischen als
einen Integrationszusammenhang von Produktion, Rezeption und Reflexion.
Denken, Finden und Machen sind im künstlerischen Handeln - und hier eben
anders als in anderen wissenschaftlichen Tätigkeitsfeldern - oft und
ausdrücklich eins. Ich erinnere auch an Picassos: „Ich suche nicht, ich
finde!“. Sie
kennen das aus Ihrer künstlerischen Praxis: Ein Bogen Papier und ein Strich
darauf lassen viele Möglichkeiten des zeichnerischen Fortfahrens offen. Ein
zweiter Strich irgendwo sonst auf der Fläche schränkt das
Möglichkeitsspektrum schon erheblich ein und dann so weiter fort. Auch
unabhängig und zusätzlich von dem, was Sie als Entwurf und Absicht im Kopf
haben, entsteht auf dem Papier ein Gewebe, dass ständig neue
Wahrnehmungsanlässe entfaltet und entsprechend die Struktur Ihres Wahrnehmens
und Handels ständig variiert und erneuert. Sie entdecken Wege und Nebenwege
und fällen dauernd neue Entscheidungen, welcher Weg einzuschlagen ist. Kommen
noch spezifische sinnliche Materialreize hinzu, vervielfacht sich die Komplexität
dieses Vorganges. Das
ist nicht mit „Flow“-Erlebnissen gleichsetzen: „Machen“ ohne „Denken“ wäre
nahe am Automatismus anzusiedeln und damit bestenfalls unschädliche
Beschäftigungstherapie. Auch wenn der bildfindende Dialog zunächst als
Denken ohne Sprachbegriffe einsetzt, legt er präzise Spuren aus und wird zu
einem hoch differenzierten Reflexionsprozess mit den Mitteln des anschaulichen
Denkens. In
diesem Vorgang ist das künstlerische Handeln Prozesserfahrung,
Wahrnehmungsinstrumentarium und Reflexionsmethode gleichzeitig und
gleichwertig. Es mag bewundernswert sein, wenn Sie präzise zu Papier bringen
können, was Sie im Vornhinein im Kopf haben. Es hat aber als Tätigkeit
möglicherweise nur entfernt etwas mit Kunst zu tun. Über
Logik und Wissenschaftlichkeit hinaus (wenn auch nicht ohne sie) geht es uns
um die Bewältigung und Kommunikation ästhetischer Erfahrungen. Neben das
Logische tritt gleichberechtigt das Analogische – und neben das Wissen das
Ahnen, das an Präzision dem Wissen nicht nachsteht. Letzteres
mag als schwer verdauliche Behauptung erscheinen. Dabei lassen sich hierfür
leicht Beispiele aus der Lebenspraxis finden: Lieben Sie ihren Lebenspartner?
Ganz bestimmt? Sehr gut! Dann wird es Ihnen wohl kaum Mühe machen, hierfür
eine stringent-sachlogische Begründung zu formulieren, am besten schriftlich…
. Anschauliches
Denken trainiert kreative Formen der Wirklichkeitsdeutung und –Aneignung.
Hier leistet das Fach Kunst Grundlagen, die sich interdisziplinär entfalten
können und sollen. |
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Bildungs-, Lehr- und Lernperspektiven
Grundkurs 11 |
Das
vorrangige Bildungsziel unseres Faches ist, ästhetische Erfahrungen als
Reservoir und Mittel der Auseinandersetzung mit Wirklichkeit bewusst zu
machen und hierfür konkret beschreibbare Kompetenzen zu vermitteln. Dieses
ist ein hoher Anspruch, da hiermit eine ganzheitlich umfassende Weltaneignung
angestrebt ist. Ich sehe derzeit kaum ein Fach, welches diesen Anspruch nicht
nur mitbedient, sondern zur eigentlichen Sinnmitte hat und methodisch adäquat
vergegenständlichen kann. Kunst
als „Wissenschaft“ vertritt die Ansprüche von Systematisierung,
Methodenbewusstsein, Problematisierungsfähigkeit und Distanz. Hierauf bezogen
ist der Kunstunterricht in der Sekundarstufe II wissenschaftspropädeutisch:
Die Arbeits- und Lernformen vermitteln Kompetenzen, die auf die allgemeine
Studierfähigkeit vorbereiten. Dieses
ist nicht als „Fremdleistung“ (im Sinne einer Relativierung der oben
formulierten Grundsätze) misszuverstehen. Unterrichtliche Kommunikation und
Reflexion über ästhetische Erfahrungen erfordern die Fähigkeit der
Abstraktion und Distanzierung. Dieses ist bereits in der „Übersetzung“
visueller Phänomene in Wortsprache der Fall, die eine zunehmende Bewusstheit
über die formalen Strukturen beider Ausdrucksformen zwingend zur Bedingung
hat. Hierzu ist eine fachlich fundierte und fortschreitende Ausreifung
analytischer Distanz und entsprechender Methodenbeherrschung notwendig. Da
diese Kompetenzen zwar dem Wissenschaftsanspruch unseres Faches entsprechen,
jedoch nicht die Wahrnehmungs- und Wirkungszusammenhänge des künstlerischen
Handelns selbst erfassen, tritt (ausgewiesen in den Richtlinien des Faches
Kunst) diesen der Anspruch der Kunstpropädeutik hinzu: Diese
umfasst den Lern- und Erfahrungsbereich, der aus der persönlichen
Auseinandersetzung mit Ideen, Affektionen, Materialien, Verfahren und
individueller Ausdrucksfähigkeit entsteht und in seiner Beschaffenheit mit
wissenschaftsnahen Kompetenzen – wie oben skizziert wurde – nicht angemessen
beschreibbar ist. Wir
sehen uns deshalb in einer doppelten, aber nicht zwingend widersprüchlichen
Anforderung: Indem wir den Austausch über ästhetische Erfahrungen anregen,
gestalten wir Kommunikations- und Reifungsprozesse, die gleichermaßen
fortschreitende individuelle Selbstvergewisserung und medial kommunikative
Prägnanz herausfordern. Dieses sind die relevanten Grundlagen von Bild- und
Medienkompetenz. In diesem Sinne sind „Kunsterziehung“ und „Medienerziehung“
keinesfalls gleichzusetzen oder gar austauschbar. |
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Kunst „lehren“
Grundkurs 12 |
Hierzu
ein weiterer Gedanke: Sie möchten „Lehrer“ bzw. „Lehrerin“ im Fach Kunst
werden? Es
wird oft (auch von Schülern) bezweifelt, dass Kunst lehrbar sei. Machen Sie
sich bitte bewusst, dass der Begriff „Lehren“ sachlich ohnehin zweifelhaft
ist und nur mangels besserer Begriffsvorschläge fortbesteht. Mir ist weder
aus meiner eigenen pädagogischen Erfahrung noch aus der Literatur ein
angemessen wissenschaftlich nachgewiesener Fall bekannt, dass jemals jemand
erfolgreich gelehrt hätte. Nichtsdestoweniger
ist sehr wohl Lernen möglich und heraus zu fordern, in der anzustrebenden
nachhaltigen Form jedoch nur in konkreten und konsistenten
Erfahrungszusammenhängen und anschließender Übung bzw. Training. (Selbst
erfolgreiches „Vokabelbimsen“ ist hierzu kein Widerspruch: Wenn wir mit den
zur Debatte stehenden Begriffen und Regeln nichts Wesentliches verbinden und
sie nicht kontinuierlich zur erfolgreichen Anwendung bringen, dürften sie
bald nach der nächsten Klausur verlustig gehen. Nicht zufällig erleben wir im
Vorfeld von Klausuren gesteigerte Lehranstrengungen.) Daraus
folgen mindestens drei Konsequenzen: 1.
Es ist wunderbar, wenn
unsere Schüler z.B. alle formalen Stilerscheinungen des deutschen Expressionismus
und die diese betreffenden Positionen und Lebensdaten der beteiligten
Künstler und Richtungen kennen. Ich bezweifele nur, ob diese Kenntnis
nachhaltige Konsequenzen haben kann, wenn sie nicht aus konkreter
ästhetischer Erfahrung hervorgegangen und mit ihr verbunden ist. Letztere mag
sich zwar durch ergriffenes Seufzen bei der Werkbetrachtung andeuten.
Nachweisbar wird sie nur durch die eigene gestalterische Praxis und ihre
Reflexion. 2.
Nachhaltigkeit bedarf
über die Übung und deren Anstrengungen hinaus der persönlichen Aneignung. Es ist
ebenso beeindruckend wie vermutlich sinnlos, wenn unsere Schüler zu technisch
versierten Kirchner- oder Warhol-Klonen und Videoeffektdirigenten werden.
Nichtsdestotrotz „Machen“ ohne „Können“ im besten Falle vergnügliches
Zeittotschlagen ist, bleibt fraglich, welchen Wert eine unterrichtliche
Thematik für die Lebenspraxis von Jugendlichen hat. In diesem Sinne hätte
eine Auseinandersetzung z.B. mit Werken des Expressionismus des frühen 20’en
Jahrhunderts das Ziel, das Wahrnehmungspotenzial junger Menschen des 21’en
Jahrhunderts zu verändern. Dieses ist nicht so selbstverständlich, wie man
annehmen sollte: Viele durchaus engagierte Schulflurverhübschungen zeigen
sich voller Stilimitationen vom Kubismus bis zum Surrealismus und zum
Expressionismus zurück… . „Machen“ ohne „Denken“? 3.
Man kann über ästhetische
Erfahrungen und auch durch sie kommunizieren. Aber man kann sie nicht
vermitteln. Man kann sie nur selbst machen. Das kennen Sie aus
liebevoll-hilflosen und schließlich enervierenden Dia-Vorträgen aus dem
vergangenen Urlaub. Wenn Sie begeistert sind von der Architektur einer
gotischen Kathedrale, viele Fotografien machen und diese dann im Unterricht
ihren Schülern zeigen, könnte Ihnen ähnliches passieren. Sie lehren nicht.
Nie. Sie vergegenständlichen Erfahrungssituationen und sollten im Blick
haben, wie diese nicht nur beabsichtigt, sondern tatsächlich beschaffen sind.
Entlang dieses Potenzials werden Ihre Schüler im Kunstunterricht Erfahrungen
machen und lernen. (Um
Missverständnisse zu vermeiden: Dieses ist keinesfalls als Geringschätzung
der Auseinandersetzung mit historisch-ungegenwärtigen Positionen zu
verstehen. Im Gegenteil kann und muss z.B. die erfahrungsbezogene
Vergegenwärtigung mittelalterlicher Kunst heutigen Jugendlichen die Chance geben,
eine Position außerhalb des unmittelbaren „Hier-und-Jetzt“ zu finden, aus der
sie einen alternativen Blick auf ihre eigene Gegenwart finden. Auch kann eine
tätige Auseinandersetzung mit einem historischen Gestaltungsstil das
individuelle Ausdrucksrepertoire enorm steigern und vervielfältigen – sogar
studierendes „Abmalen“ mag diesem Zweck erfolgreich dienen. Aber eben
wirklich nicht: „Welches Bild würde ich malen, wenn ich Van Gogh wäre?“) Sie
werden also keine Lehrer sein, sondern Erfahrungenzurverfügungsteller.
Zugegebenermaßen ist der Wortbegriff „Lehrer“ klangbildlich doch
überzeugender. Sie dürfen ihn ruhig weiter verwenden. |
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Fühlen Sie sich
ermutigt!
Grundkurs 11 |
Wir
kommen nicht darum herum, diese Ansprüche in ihrer ganzen Tragweite immer im
Kopf zu haben und anzuzielen. Es
ist vor diesem Hintergrund zweitrangig, ob es inhaltlich um den Farbkreis,
die Kreuzschraffur, das Figur-Grund-Verhältnis der Barockmalerei oder um die
Wölfflinschen Grundbegriffe geht. Es muss nachweislich und konkret erfahrbar
Sinn machen. Auch
für Sie selbst! Fühlen
Sie sich bitte ermutigt, möglichst das zu tun, worauf Sie Lust haben
und versuchen Sie zu entdecken, was an dem „anderen“ reizvoll für Sie sein
könnte. Zwar sind unzweifelhaft die Schüler die Adressaten Ihres Tuns.
Dennoch sind Sie die- und derjenige, die bzw. der eine Sache im Unterricht
gegenwärtig und bedeutsam macht, ohne sich dieser zur Konkurrenz zu stellen.
Das setzt Erfahrungen, fachliche Kompetenz, besonders jedoch Engagement
voraus. Unterlassen Sie also möglichst alles, wofür Sie sich nicht wirklich
engagieren können. Anderenfalls könnte es passieren, dass sie zwar redlich am
Farbkreis und der Kreuzschraffur herum unterrichten, das Ganze jedoch mit
Kunstunterricht nichts oder zu wenig zu tun hat. Darum
geht es. Diese Dinge werden wir im Seminar in den Blick nehmen. Deshalb werbe
ich um Ihr Interesse. Ralf Jupe Fachseminarleiter Kunst am
Studienseminar Neuss |